Warum macht uns Kreativität Angst?

Warum macht uns etwas, das eigentllich Spaß, Versenkung und Spiel verspricht doch soviel Angst? Auch wenn ich es selber liebe kreativ zu sein und darin komplett aufgehen kann, kenne ich diese Angst nicht nur von mir. Als ich ein klein war, hat meine Kreativität mich beschützt. Sie hat mich abgeschirmt von der Außenwelt. Während sie auf mich einredeten, war ich in einer eigenen Welt. Das ist das Tröstliche an der Kreativität: Sie nimmt dem Außen das Bedrohliche, weil man vieles gar nicht mitbekommt. Kreativität an sich ist eigentlich ein verkommenes Wort und ich finde es wird über die Maßen genutzt. Für mich hat Kreativität vielmehr etwas mit der spielerischen Kombination mehrerer Dinge zu tun, aber ich vermeide das Wort an sich. Heute sind ja alle kreativ. Man sagt „Ich mach was Kreatives“, wie man früher sagte „Ich habe Kopfschmerzen“.

Natürlich kann es auch in die Hose gehen

Die Kreativität soll etwas Leichtes sein, stets locker und gut gelaunt. In Wirklichkeit ist es aber gar nicht leicht und locker, kreativ zu sein. Man ist nicht Herr über seine Ideen – die Ideen sind Herr über einen selbst. Kreativität verschlingt einen, weil sie alle Aufmerksamkeit einfordert. Sie fragt nicht, was mit dem sozialen Umfeld geschieht. Sie kann einen versklaven. Sie kann einen einsam machen und in den Abgrund ziehen. Deswegen ist der Kreative auch immer etwas meschugge. Im Prinzip steht aber hinter der Angst, die Angst vor dem Erfolg. Paradox. Aber wie es ja auch so schön heißt: Wir haben mehr Angst vor dem Leben als vor dem Sterben. 

Wir stellen uns den kreativen Prozess gerne einfach vor. Ein Maler spaziert durch die Natur, wenn ihn die Muse küsst und er daraufhin mit Elan und Freude ein Meisterwerk produziert. Dabei blenden wir den inneren Widerstand aus, den jeder Künstler kennt.

Kreativität ist eine Bitch

Viele Oscar-Gewinner antworten, wenn sie gefragt werden, warum sie sich für die prämierte Rolle entschieden haben, mit: „Weil ich Angst davor hatte.“ Es ist genau diese Angst, dieser innere Widerstand, der uns ein Zeichen gibt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Natürlich kann es auch in die Hose gehen. Aber wo es was zu verlieren gibt, gibt es meist auch was zu gewinnen.Kreativität ist unzuverlässig und richtet sich nach keinem Terminkalender. Kreativtät heißt oftmals auch Arbeit bis man in den Fluss kommt. Man kann lernen, Ideen besser zuzulassen. Und es gibt unzählige Tools, die helfen diese etwas früher herauszukitzeln, die Angst davor zu minimieren und den Prozess an sich mehr zu lieben mit all seinen Ecken und Kanten.  In diesem Buch werden wir das Wesen der Kreativität mit all seinen Facetten durchleuchten und die Lust daran diese wieder in seinen Alltag zu integrieren entfachen.

Haben wir den Zugang zu unserem kreativen Selbst verloren?

Leider muss ich feststellen, dass die meisten von uns ihren Zugang zum eigenen kreativen Wesen verloren haben. Unsere modernen, durchgetakteten Leben sind so hektisch und beschäftigt, dass wir nicht mehr die Zeit finden einfach zu sitzen und Tagzuträumen. Obwohl unser Alltag als Kinder davon geprägt war. Kreativität kann man nicht kaufen, zumindest nicht die eigene. Dennoch denken wir es sei irgendwas im Außen. Was uns tatsächlich fehlt ist mehr Ruhe und der Kontakt zu unserem ureigenen Ausdruck. Vielleicht erinnerst du dich daran, wie du das letzte Mal getanzt hast und Raum und Zeit um die herum vergessen hast. Dein Körper hat sich zu den rhytmen bewegt und du warst trotzdem ganz präsent. In diesem Momenten erleben wir Kreatvität live. Ja, es gibt dafür meist kein Publikum dass die dafür applaudiert, aber hier fängt es an. Hier beginnt der Kontakt mit der kreativen Seite, die einfach alles sein kann. Du bist kreativ. Punkt. Auch wenn du nicht zeichnen kannst.  Also, welche Ängste halten uns nun davon ab?

Angst vor der Beurteilung 

Was werden die anderen sagen? Ist es wirklich gut genug? Das haben vor mir schon hundert andere gemacht und im Zweifel auch viel besser. Nun, die anderen werden sagen was immer sie wollen. Es ist verdammt nochmal egal, weil es einfach nicht um die anderen geht. Ihre Meinung ist ihre Meinung. Wenn du etwas kreieren willst, dann mach es für dich. Als einen Service und einen individuellen Ausdruck deiner ureigenen Persönlichkeit. Bleib dir treu. Genau darin liegt doch die große Freude. Sich selbst dadurch kennenzulernen und vielleicht Teile von einem wieder zu entdecken, die lange vermeintlich verschollen waren. Mach es zu deinem und es gibt keine Möglichkeit, dass dir das irgendjemand nehmen kann. Nur wenn du etwas für andere erschaffst, lädst du die Angst ein.

Meine Stimme ist es nicht wert gehört zu werden

Absolut niemand auf diesem Planeten erlebt ihn so wie du. Deine Stimme IST einzigartig und was du zu sagen hast ist es ebenso. Bleib authenthisch. Und wenn du ein Projekt hast mit dem du andere miteinbeziehen kannst, dann mach das! Verbinde dich und erlebe die pulsierende Kraft und Vielfalt verschiedener Stimmen in Kollaboration. Gerade hier, im Vergleich mit anderen erkennt man seine besondere Betrachtungsweise auf die Dinge.

Ich hab keine Ahnung was ich das mache

Wer hat das schon wirklich? Wer hat schon wirklich einen Plan der funktioniert? Niemand! Wir wurden alle kreativ geboren und haben diese Fähigkeit einfach irgendwann vergessen. Was wir vielleicht nicht gelernt haben ist eine bestimmte Technik, wie wir unserer Kreativität Ausdruck verleihen können. Wenn du malen willst, dann lerne alles darüber und am Ende vergiss es wieder. Nur dann kommt dein Ausdruck durch. Aber ja, manchmal müssen wir vielleicht erst noch lernen, wie man einen Pinsel hält oder eine Programmiersprache spricht. Bleib offen und vorallem freundlich zu dir. Wir sitzen alle im selben Boot.

Ich habe keine Zeit

Bullshit! Wir brauchen keine 4 Stunden täglich im etwas kreatives zu tun. Doodeling beim telefonieren, singen unter der Dusche oder jeden Tag einfach 200 Zeichen schreiben für das Buch was man irgendwann veröffentlicht, reichen doch auch! Tatsächlich würde ich vorschlagen mit gar nichts anzufangen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mach doch mal NICHTS und warte ab was kommt, lade die Kreatvität ein und beobachte. Geh spazieren und lausche. Und dann frage dich mal: wie kann das anderes ausschauen, wie kann man es anderes sehen oder kombinieren? Und irgendwann kommt da dieser Funke… und von da aus können wir starten.

Egal, welcher Tätigkeit du letztendlich nachgehst (sei es Schriftsteller, Konditor, Zahnarzt, Snowboarder, Banker oder Mechaniker), der innere Widerstand zeigt sich in den Momenten, in denen du dein Handwerk weiterentwickeln kannst. In denen du wachsen kannst. Angst ist nicht schlechtes. Im Gegenteil. Sie ist oft der Weg.

Fordere den Widerstand heraus!

Daher ist für mich der richtige Weg nicht, diesen Widerstand zu meiden. Ganz im Gegenteil. Suche ihn und fordere ihn heraus. Ein Schriftsteller hat es einmal treffend so formuliert: „Das Harte am Schreiben ist nicht das Schreiben an sich. Es ist das Hinsetzen, um zu Schreiben.“

Heute denke ich so: Wenn ich es nie probiere, ist deine Erfolgswahrscheinlichkeit gleich null. Wenn ich es allerdings probiere, kommt im schlimmsten Falle zumindest eine schöne Anekdote dabei heraus. Also ran an den Schreibtisch!

Kreativität wird auch oft mit großen Künstlern und Genies verbunden und das Werk braucht sein Publikum. Aber was ist ein Bild ohne die Galerie, ein Buch ohne Leser, eine Symphonie ohne den vollen Saal? Verständlich, dass unter diesem Vergleich Kreativität als etwas angsteinflößendes gesehen wird. 

„Wenn man Glück hat, kommt Fortuna vorbei und reicht das Streichholz, mit dem man
den eigenen Docht anzünden kann. Wenn sie nicht kommt, hilft nur ein Trick: Man sagt
genau das Gegenteil dessen, was man zuletzt gesagt hat, und behauptet, es wäre ein neuer Einfall.“ 

(Wolfgang Joop)

Wenn du deine Angst darüber nun etwas besser verstehen kannst und deine Erwartungen an dich un deine Kreativität erstmal auf ein normales maß gebracht hast, kanns losgehen. Und eins sei an dieser Stelle noch gesagt: Wenn du dich als Kreativer fühlst, dann musst du dem nachgeben. Alles andere wird dich unglücklich machen. Du musst davon nicht leben können, aber es ist wichtig einen Kanal dafür zu finden. Manchmal ist es sogar besser einem stupiden Tagesjob nachzugehen als von der eigenen Kunst hauptsächlich leben zu müssen. So hast du denn Kopf frei und der Druck damit deinen Lebensunterhalt zu verdienen ist obsolet.