Langsames Multitasking

Wir alle kennen den Satz aus John Lennons Song „Beautiful Boy:  Das Leben passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu machen.“ Das stimmt nicht nur auf unser Leben bezogen, sondern tatsächlich auch bezogen auf die Kreativität. Ideen sind zickig. Sie kommen weder wenn wir gerade extra Zeit für sie haben und erst Recht nicht, wenn wir auf sie warten. Wir gehen einkaufen und BOOM, wir duschen und BOOM, wir hatten gerade Sex und BOOM. Wie tricksen wir also die Bitch namens Kreativität noch aus? Mit einer bestimmten Form von Multitasking.

Wir zäumen das Pferd von hinten auf und verkrampfen uns gar nicht erst, JETZT kreativ sein zu müssen.

Apropos Sex: Dies kann auch so zumindest bei Herrn Schmidt laut eines Interviews in der Zeit „Inspiration ersten Ranges sein“. Wenn es guter Sex ist, natürlich. Sex setzt Hormone frei. Von Neurobiologen heißt es, das berühmte Serotonin, das vielleicht der Heilige Geist von heute ist, regt das Denken an und lässt uns neue Zusammenhänge sehen. Oxytocin, das Bindungshormon, schlägt durch in Gefühlen wie Geborgenheit. Bei meiner Arbeit erlebe ich das so: Im Manuskript gehen die Thesen noch kunterbunt durcheinander. Aber nach einer erotischen Begegnung ist mir plötzlich klar, was ich sagen will. Ich empfange eine Inspiration. Es gibt natürlich auch die seelische und die geistige Ebene der Liebe. Wir suchen nach Beziehungen, von denen wir im Denken und Fühlen berührt werden. Liebe setzt schöpferische Kräfte frei. Wenn der Körper dominiert, erholt sich der Kopf.

Multitasking neu gedacht

Zurück zum Multitasking. Es genießt gemeinhin zwar einen relativ schlechten Ruf, kommt uns allerdings im kreativen Prozess wiederrum zugute. Wir erkennen ein Muster: Wer kreativ sein will, macht einfach mal alles anders rum, gerne falsch und erst Recht nicht nach Schema F. Hier wäre jetzt ein Smile-Emoji. Falsches Multitasking in dem wir zwischen verschiedenen Aufgaben zuviel hin- und her switchen raubt uns nicht nur Energie, am Ende ist es auch fast unmöglich etwas wirklich auf die Beine zu stellen. Wohingegen ein Multitasking mit verschiedenen Projekten parallel, durchaus erfolgsversprechend ist. Wir verlassen damit eingetretene Pfade und erschaffen uns unbewusst neue Perspektiven auf andere Projekte. Denn gerade die neuen Querverbindungen sind es ja, die die Genialität hervorrbringen. Je mehr Bälle wir gleichzeitig in der Luft haben, desto weniger ist da tatsächlich auch die Chance von einem Projekt ausgebrannt zu werden und zu stagnieren.

Ein schönes Beispiel hierfür ist Albert Einstein, der verständlicherweise irgendwann von der Arbeit an seiner Relativitätstheorie gelangweilt war – wer kann es ihm schon verübeln? – und sich zur Abwechslung mit der Strahlentheorie beschäftigt hat. Er veröffentlichte seine Gedanken dazu in einem wissenschaftlichen Artikel, welcher später zur Erfindung des Lasers führte.

Ideen-Kollision

Ideen entstehen „da draußen“. Lasst uns einfach mal daran glauben, dass unser Gehirn, sobald es von einer Sache inspiriert wurde, Quervebindungen schafft. Ideation basiert als virtuelles Tool auf diesem Gedanken. Wir stellen uns ein Team vor und es geht darum eine Aufgabe zu lösen. In der sogenannten Cloud liegt ein Briefing oder Video, auf das jeder zu jeder Zeit zugreifen kann. Hier werden alle Ideen dazu gesammelt und jede ist willkommen, denn sämtlicher Input kann dazu führen, dass es eine Ideen-Kollision gibt und etwas unvorhergesehenes passiert. Wichtig hierbei ist, dass jeder zu jeder Zeit (beim einkaufen, Kinder bespaßen, essen) darauf zugreifen kann. So entstehen Ideen in den „Zwischenzeiten“ ganz nebenbei.

Wir halten fest: Multitasking funktioniert nicht nur – entgegen vieler Sprichwörter – es ist sogar eine sehr sinnvolle Stütze im Reich der Kreativität. Die einzige Voraussetzung: Du machst nicht mehrere Dinge gleichzeitig, sondern arbeitest wie ein Computer. Immer nur an einer Sache – und dann wechseln. Nebeninfo: Ein Computer wird erst dann in die Knie gezwungen, wenn er zu schnell zwischen zu vielen offenen Aufgaben hin und her springen muss. Das kann er genauso wenig, wie wir Menschen. Gerade bei Schreibblockaden kann Multitasking der Retter in der Not sein. Ist übrigens ganz im Sinne von Design Thinking. Einer momentan sehr populären Kreativitätsmethode und nennt sich auch „iteratives Vorgehen“.

Projekt-Hopping

Daher empfehle ich: Am besten mehrere Projekte parallel laufen lassen. Wenn für das Eine nicht genug kreative Energie vorhanden ist, reicht es vielleicht für ein anderes Projekt – so entsteht Fortschritt. Das hilft auch wunderbar gegen Langeweile: ein weiterer Feind des Schriftstellers. Schließlich bringt Multitasking Abwechslung – und vertreibt die Langeweile. Funktioniert auch gut mit dem Bloggen, wenn es mal mit der eigenen Saga nicht so weitergeht, wie gewünscht.